Donnerstag, 3. September 2026 – internet24 Boulevard
Machtdemonstration in Zentralasien: Beim Gipfeltreffen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Kirgisistan demonstrierten China und Russland Einigkeit gegen den Westen. Indiens Premier Modi forderte Wladimir Putin jedoch überraschend deutlich zu einem Ende des Ukraine-Kriegs auf.
Das jüngste Gipfeltreffen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) im kirgisischen Bischkek sollte eigentlich ein unmissverständliches Signal der Stärke und Geschlossenheit an den Westen senden. Angeführt von Chinas Staatschef Xi Jinping und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin inszenierte das Bündnis eine geopolitische Machtdemonstration in Zentralasien. Doch hinter der sorgsam inszenierten Fassade der Einigkeit traten fundamentale Risse zutage – ausgelöst durch eine überraschend scharfe Intervention aus Neu-Delhi.
Die Fassade der Einigkeit: Eine neue Weltordnung ohne den Westen?
Für Peking und Moskau bot das Treffen in Kirgisistan die perfekte Bühne, um ihre Vision einer „multipolaren Weltordnung“ voranzutreiben. Angesichts anhaltender westlicher Sanktionen und Handelsbarrieren demonstrierten Xi und Putin demonstrativ den Schulterschluss. Das strategische Ziel der SOZ, die neben den Gründungsmitgliedern mittlerweile auch Schwergewichte wie Indien, Pakistan und den Iran umfasst, ist klar definiert: Sie will sich als das wirtschaftliche und sicherheitspolitische Gegengewicht zur G7 und der NATO etablieren.
In den offiziellen Erklärungen wurde vor allem die Vertiefung der wirtschaftlichen Kooperation in Zentralasien betont. China treibt seine Infrastrukturprojekte im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ weiter voran, während Russland versucht, seine Energieströme dauerhaft und unumkehrbar nach Asien umzuleiten. Zentralasien, einst der exklusive Hinterhof Moskaus, wird damit endgültig zum wirtschaftlichen Epizentrum eines anti-westlichen Blocks.
Der Paukenschlag: Modis direkte Worte an Putin
Die mühsam aufgebaute Illusion einer geschlossenen Front gegen Washington und Brüssel hielt jedoch nur so lange, bis Indiens Premierminister Narendra Modi das Wort ergriff. In einer bemerkenswert direkten und für diplomatische Verhältnisse ungewohnt scharfen Ansprache wandte sich Modi direkt an Wladimir Putin.
Modi forderte den Kreml-Chef mit Nachdruck dazu auf, den seit Jahren andauernden Krieg in der Ukraine umgehend zu beenden. Es sei „nicht die Ära des Krieges“, wiederholte der indische Regierungschef ein Credo, das er bereits in der Vergangenheit bemüht hatte – diesmal jedoch mit einer Dringlichkeit und Klarheit, die Putin sichtlich unter Druck setzte. Modi betonte, dass der globale Süden, dessen Anführer Indien gerne sein möchte, am schwersten unter den wirtschaftlichen Verwerfungen, den blockierten Lieferketten und den instabilen Lebensmittel- und Energiepreisen leide, die dieser Konflikt verursacht.
Das indische Dilemma: Der Seiltanz zwischen Ost und West
Die deutlichen Worte aus Neu-Delhi verdeutlichen das tiefe strategische Dilemma, in dem sich Indien befindet. Einerseits ist das Land historisch und militärisch eng mit Moskau verbunden und profitiert bis heute von verbilligten russischen Rohölimporten. Andererseits hat sich Indien im Rahmen der sogenannten „Quad“-Allianz (zusammen mit den USA, Japan und Australien) dem Westen angenähert, um dem expansiven Machtstreben Chinas im indopazifischen Raum etwas entgegenzusetzen.
Mit seiner offenen Kritik an Putin bezweckt Modi mehrere Dinge gleichzeitig:
* Emanzipation von Peking: Indien weigert sich, Statist in einer von China dominierten anti-westlichen Allianz zu sein.
* Brückenschlag zum Westen: Neu-Delhi signalisiert Washington und Europa, dass es trotz seiner SOZ-Mitgliedschaft kein blinder Verbündeter Moskaus ist.
* Profilierung als Friedensstifter: Indien positioniert sich als vernünftige Vermittlungsmacht zwischen den verhärteten Fronten.
Fazit: Die SOZ an einem Scheideweg
Der Gipfel in Kirgisistan hat gezeigt, dass die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit zwar eine beachtliche wirtschaftliche und demografische Masse repräsentiert, aber ideologisch tief gespalten bleibt. Solange der Ukraine-Krieg die globale Stabilität bedroht und wichtige Mitglieder wie Indien die aggressive Außenpolitik Russlands offen verurteilen, bleibt das Bündnis ein Riese auf tönernen Füßen. Xi Jinpings Traum von einer geschlossenen anti-westlichen Phalanx hat in Bischkek einen empfindlichen Dämpfer erhalten.
- 🇨🇳 China (Gründungsmitglied 2001)
- 🇷🇺 Russland (Gründungsmitglied 2001)
- 🇰🇿 Kasachstan (Gründungsmitglied 2001)
- 🇰🇬 Kirgisistan (Gründungsmitglied 2001)
- 🇹🇯 Tadschikistan (Gründungsmitglied 2001)
- 🇺🇿 Usbekistan (Gründungsmitglied 2001)
- 🇮🇳 Indien (Beitritt 2017)
- 🇵🇰 Pakistan (Beitritt 2017)
- 🇮🇷 Iran (Beitritt 2023)
- 🇧🇾 Belarus (Beitritt 2024)
- Beobachterstaaten: Afghanistan und die Mongolei.
- Dialogpartner: Unter anderem die Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Sri Lanka, Kambodscha, Nepal, Aserbaidschan und Armenien.
