Donnerstag, 8. Oktober 2026 – internet24 Boulevard – SI gen Text –
Innerhalb von zwei Tagen sind vor Rumänien und Bulgarien drei Handelsschiffe von Drohnen getroffen worden. Zwei sanken. Mindestens zwei Seeleute starben, die Besatzung eines weiteren Frachters gilt als vermisst. Die Treffer lagen nicht in den Hoheitsgewässern der beiden Nato- und EU-Staaten, sondern in ihren ausschließlichen Wirtschaftszonen – nah an der Ostflanke des Bündnisses. In Sofia, Bukarest, Brüssel und Ankara wächst die Befürchtung, dass der russische Krieg gegen die Ukraine sich auf See ausweitet.
Am Montag wurde ein türkischer Frachter mit ukrainischem Getreide rund 30 Seemeilen südlich von Sfântu Gheorghe im Donaudelta getroffen. Er geriet in Brand und sank. Zwei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, elf wurden gerettet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem Angriff zweier russischer Drohnen.
In der Nacht zum Dienstag folgten zwei weitere Treffer in der bulgarischen Wirtschaftszone, gegen drei Uhr Ortszeit etwa 70 Seemeilen – rund 130 Kilometer – östlich von Bjala. Die unter togoischer Flagge fahrende „Alfa Watan“ sank; von der Besatzung fehlt jede Spur, die Suche wurde am Mittwoch eingestellt. Die unter der Flagge Palaus fahrende „Able“, beladen mit Weizen, fing Feuer. Alle 18 Seeleute – elf Türken und sieben Inder – nahm eine Fähre auf. Mehrere Verletzte kamen nach Warna, zwei schwer.
Ministerpräsident Rumen Radew berief eine Krisensitzung ein und nannte die Angriffe in einer Fernsehansprache einen groben Verstoß gegen Völker- und Seerecht. Eingesetzt worden seien Drohnen aus der Luft und vom Meer. Die Herkunft wird geprüft; nach Branchenangaben war es der erste derartige Angriff in bulgarischen Gewässern. Radew warnte, der Krieg greife räumlich weiter um sich und erhöhe das Risiko eines größeren Konflikts.
Kiew macht Moskau verantwortlich und sieht darin den Versuch, den westlichen Teil des Schwarzen Meeres für die Schifffahrt unbrauchbar zu machen. Eine mit der Seesicherheit befasste Quelle deutete laut Reuters ebenfalls auf einen russischen Angriff hin. Moskau schwieg zunächst. Die Nato verwies auf die bulgarischen Behörden.
Hintergrund ist der ukrainische Seekorridor zwischen Odessa und dem Bosporus, den Kyjiw nach dem Auslaufen des Getreideabkommens im Juli 2023 aufgebaut hat. Er führt entlang der Westküste durch rumänische und bulgarische Hoheitsgewässer. Die getroffenen Schiffe fuhren weiter draußen in der Wirtschaftszone, die jenseits von zwölf Seemeilen beginnt und nicht zum Staatsgebiet zählt. Die Route ist kürzer, tiefer, weniger befahren und nicht vermint – und damit leichter angreifbar.
Für die Ukraine hängen Getreide-, Öl- und Maisexporte über das Schwarze Meer an wesentlichen Einnahmen. Jeder Angriff treibt die Versicherungsprämien. Werden die Prämien zu hoch, könnten Reedereien die Strecke meiden, mit Folgen für den Welthandel und die Versorgung in Afrika und Asien.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Lage zunehmend besorgniserregend: Handelsschiffe und unschuldige Besatzungen würden zum Ziel, es habe bereits Leben gekostet. Die Union stehe an der Seite ihrer Ostflanke. Die Türkei, deren Reedereien einen großen Teil des regionalen Verkehrs abwickeln, verfolgt die Lage besonders genau. Präsident Recep Tayyip Erdoğan telefonierte am Mittwoch mit Wladimir Putin und betonte die Bedeutung sicherer Schifffahrt. Schon bei der UN-Generalversammlung Ende September hatte er die Angriffe kritisiert und einen neuen Mechanismus für die maritime Sicherheit gefordert.
Parallel eskalierte der Krieg an Land. Am Mittwoch, Putins Geburtstag, setzte Russland nach Kiewer Angaben rund 70 Raketen und Dutzende Schahed-Drohnen ein. Mindestens 28 Menschen starben, etwa 100 wurden verletzt. Das russische Verteidigungsministerium nannte unter anderem Häfen und Werften in der Region Odessa als Ziele. Die EU verhängte neue Sanktionen gegen den russischen Rüstungssektor und zahlte der Ukraine am selben Tag weitere 1,2 Milliarden Euro. Wie Bulgarien und Rumänien ihre Wirtschaftszonen künftig besser schützen, bleibt offen.
