Sonntag, Wahlabend, 21. September 2026 – internet24 Boulevard

Deutschland steckt Mitte/Ende 2026 in einer Phase beschleunigter Polarisierung und Erosion der alten Volksparteien. Die drei Landtagswahlen im September 2026 haben das Bild geschärft: Im Osten gewinnt die AfD klar, in Berlin die Linke, die CDU stürzt ab, und die Regierungsbildung wird überall kompliziert. Eine italienische Dauerkrise mit ständigen Neuwahlen ist noch nicht da – das Grundgesetz mit konstruktivem Misstrauensvotum und festen Legislaturperioden wirkt weiter als Stabilitätsanker. Aber die Fragmentierung und die Brandmauer gegen die AfD erzeugen genau die Art von Blockaden, die früher Italien prägte.

Was bisher geschah

Sachsen-Anhalt (6. September 2026)

Die AfD wurde mit 43,8 % und 39 von 83 Sitzen klar stärkste Kraft – mehr als das Doppelte von 2021 und das stärkste Ergebnis einer Partei im Land seit der Wende. Zur absoluten Mehrheit (42 Sitze) fehlten drei Mandate. Die CDU stürzte von 37,1 % auf 17,2 % (15 Sitze) ab und gewann keinen einzigen Wahlkreis. Es folgen SPD 9,3 %, Grüne 8,9 %, Linke 8,6 % und BSW 5,3 %. Die FDP flog raus. Wahlbeteiligung: rund 78 %.

Rechnerisch gibt es zwei Mehrheiten zu je 44 Sitzen: AfD plus BSW oder alle fünf übrigen Parteien zusammen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD lehnen CDU, SPD, Grüne und Linke ab. Eine Fünf-Parteien-Regierung (oder eine Minderheitsregierung mit Duldung) wäre extrem instabil. Die Regierungsbildung ist zwei Wochen nach der Wahl noch nicht abgeschlossen.

Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (20. September 2026)

Diese Wahlen liefen am Tag vor diesem Überblick. Die Hochrechnungen (Stand späte Abendstunden) zeichnen ein ähnliches, aber stadt- vs. landesspezifisches Bild.

In Berlin liegt die Linke mit rund 25 % erstmals vorn (Spitzenkandidatin Elif Eralp). Die CDU fällt auf etwa 19 %, die AfD steigt auf ca. 16 %, die Grünen auf 14–15 %, die SPD auf rund 12 % (historisch schlecht). Das BSW liegt knapp an der 5-Prozent-Hürde. Die bisherige CDU-SPD-Koalition hat keine Mehrheit mehr. Eine rot-rot-grüne oder linke Mehrheit ist möglich.

In Mecklenburg-Vorpommern führt die AfD mit rund 38 % vor der SPD von Manuela Schwesig (ca. 35,4 %). Die Linke kommt auf etwa 6,5 %, die Grünen auf 5,5 %. Die CDU liegt bei 4,9 % und droht erstmals in ihrer Geschichte aus einem Landtag zu fliegen; das BSW liegt ebenfalls knapp darunter oder knapp darüber. Die SPD könnte mit Linken und Grünen eine knappe Mehrheit halten. Die AfD ist damit nach Thüringen 2024 und Sachsen-Anhalt zum dritten Mal stärkste Kraft in einem ostdeutschen Land.

Gemeinsames Muster: Die Mitte (vor allem CDU und SPD) verliert massiv, die Ränder gewinnen. Die Wahlbeteiligung war in beiden Ländern deutlich höher als zuletzt.

Bundesebene und Stimmung

Die letzte Bundestagswahl war am 23. Februar 2025 (vorgezogen nach dem Ampel-Bruch). Ergebnis: Union 28,5 %, AfD 20,8 %, SPD 16,4 %, Grüne 11,6 %, Linke 8,8 %. Seit März 2025 regiert eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Kanzler Friedrich Merz.

Aktuelle Umfragen (Mitte/Ende September 2026) sehen die AfD bei 27–30 %, die Union bei 19–20 %, Grüne bei ca. 15 %, SPD bei 12–13 %, Linke bei 11 %. Die Regierungsparteien liegen damit klar unter ihrem Wahlergebnis. Die Landtagsergebnisse erhöhen den Druck auf Merz; er hat angekündigt, im Amt zu bleiben.

Nächstes Jahr und der weitere Kalender

2027 stehen mehrere wichtige Landtagswahlen an:

  • 18. April: Saarland und Schleswig-Holstein
  • 25. April: Nordrhein-Westfalen
  • 30. Mai: Bremen
  • 26. September: Niedersachsen

Hinzu kommt 2027 die Wahl des Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung. Die nächste reguläre Bundestagswahl findet erst 2029 statt (Zeitfenster Ende Januar bis 25. März 2029).

Schlittern wir in italienische Verhältnisse?

Italien hatte nach 1946 Dutzende Regierungen, die im Schnitt nur etwa 13 Monate hielten, häufige vorgezogene Wahlen und ein extrem fragmentiertes Parteiensystem – besonders nach dem Zusammenbruch der alten Parteien in den 1990er Jahren. Das war zermürbend und führte zu ständigen Neuverhandlungen. Inzwischen ist Giorgia Melonis Regierung (seit Oktober 2022) ungewöhnlich stabil und hat sogar einen Amtszeitrekord gebrochen.

Deutschland ist noch nicht dort. Das konstruktive Misstrauensvotum, die festen Legislaturperioden und die 5-Prozent-Hürde dämpfen Chaos. Es gab aber bereits 2025 eine vorgezogene Bundestagswahl. Auf Landesebene entstehen jetzt genau die Situationen, die Italien lange prägte: stärkste Partei ohne Koalitionspartner, Fünf-Parteien-Bündnisse oder Minderheitsregierungen, mögliche Blockaden bei der Regierungsbildung. Die Brandmauer gegen die AfD macht das im Osten besonders akut. Wenn CDU und SPD weiter erodieren und keine tragfähigen Mehrheiten ohne die Ränder entstehen, steigt das Risiko von Instabilität, vorgezogenen Landtagswahlen oder sogar erneutem Druck auf den Bund.

Wohin geht Deutschland also? Kurzfristig in eine Phase schwieriger, oft ideologisch weiter Koalitionen und wachsender Ost-West- sowie Stadt-Land-Polarisierung. Ob das in dauerhafte Instabilität umschlägt, hängt davon ab, ob die etablierten Parteien die Ursachen der AfD- und Linken-Erfolge (Migration, Wirtschaft, Vertrauen in Institutionen) adressieren oder nur die Brandmauer halten. Die Wahlen 2027 in großen westdeutschen Ländern werden der nächste Stresstest.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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