Donnerstag, 15. Januar 2026 – internet24 Boulevard –

Dänemark „kümmert“ sich seit dem 3. Juli 1721 aktiv um Grönland – das ist der historisch entscheidende Tag, an dem der norwegisch-dänische Missionar Hans Egede mit seiner Familie und etwa 40 weiteren Personen an der Westküste Grönlands landete.

Das war der Beginn der modernen dänischen Kolonialzeit, die bis 1953 dauerte.

Kurze Chronologie – was war dem vorausgegangen?

Zeitraum Ereignis Bedeutung
~982–~1450 Wikinger (hauptsächlich aus Norwegen/Island) siedeln in Grönland Erste europäische Besiedlung → die nordischen Siedlungen sterben im 15. Jahrhundert aus (Klimaverschlechterung, Konflikte mit Inuit, Isolation)
~1261/1262 Grönland unterstellt sich offiziell der norwegischen Krone Die Wikinger-Siedler erkennen die norwegische Oberhoheit an
1380 Kalmarer Union → Dänemark übernimmt die Personalunion mit Norwegen Ab jetzt gehört Grönland formell zum dänisch-norwegischen Doppelreich (de facto aber meist norwegisch verwaltet)
~1450–~1710 Kein europäischer Kontakt mehr Grönland wird von Europa aus als „verlorenes Land“ betrachtet, nur noch Inuit leben dort
17. Jahrhundert Dänisch-norwegische Könige schicken immer wieder Expeditionen Meist auf der Suche nach den „verlorenen“ Wikingernachfahren → alle scheitern
1710–1720 Hans Egede (norwegischer Pastor) entwickelt Besessenheit vom Thema Schreibt Briefe an Bischöfe & König → will „verlorene Christen“ retten und gleichzeitig Handel betreiben
1721 Hans Egede landet am 3. Juli in Grönland Er findet keine Wikinger, sondern Inuit → beginnt trotzdem Missionierung + Gründung von Handelsstationen → eigentlicher Beginn der dänischen Kolonialherrschaft

Wichtigste Meilensteine danach (kurz)

  • 1776 → Dänemark führt Handelsmonopol ein (bis 1950)
  • 1814Kieler Frieden: Norwegen geht an Schweden, Grönland bleibt bei Dänemark
  • 1953 → Grönland hört auf, Kolonie zu sein → wird gleichberechtigter Teil des Königreichs Dänemark
  • 1979Hjemmestyre (Heimverwaltung, weitgehende Autonomie)
  • 2009Selvstyre (Selbstverwaltung, noch mehr Kompetenzen)

Kurzfassung für den Stammtisch:

Dänemark hat Grönland seit Juli 1721 „in Obhut“ – ausgelöst durch einen ziemlich sturen norwegischen Pfarrer namens Hans Egede, der eigentlich die Nachfahren der Wikinger retten wollte, aber stattdessen die Inuit missionierte und damit die Grundlage für 230 Jahre dänische Kolonialherrschaft legte. Alles davor waren nur mittelalterliche Ansprüche über Norwegen, die aber jahrhundertelang nur auf dem Papier existierten.

Grönland hat in den letzten 100 Jahren einige der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Umbrüche weltweit erlebt. Viele Probleme waren (und sind teilweise noch) massiv – aber es gibt auch beeindruckende Fortschritte.

Die größten gesellschaftlichen Probleme in Grönland

1. Koloniale Abhängigkeit & Identitätsverlust

  • Über 200 Jahre dänische Kolonialherrschaft führten zu kultureller Entwurzelung.
  • Dänisch wurde lange als „höherwertige“ Sprache behandelt.
  • Viele Inuit verloren traditionelle Lebensweisen, ohne dass neue Strukturen stabil etabliert waren.

Folgen: Schwaches Selbstwertgefühl, Spannungen zwischen dänischsprachigen Eliten und inuitsprachiger Bevölkerung.

2. Alkoholsucht & soziale Gewalt

  • In den 1960er–1980er Jahren explodierten Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt und Vernachlässigung.
  • Gründe:
    • abrupte Modernisierung
    • Verlust traditioneller Rollen
    • fehlende soziale Sicherungssysteme
    • Traumata aus Internatssystemen

Folgen: Eine der höchsten Raten an Gewalt in Familien in der westlichen Welt.

3. Extrem hohe Suizidraten

  • Besonders junge Männer waren betroffen.
  • Ursachen:
    • Perspektivlosigkeit
    • kulturelle Entwurzelung
    • soziale Isolation in kleinen Siedlungen
    • ungelöste Traumata

Hinweis: Bis heute ein ernstes Thema, aber mit deutlichen Verbesserungen in manchen Regionen.

4. Bildungsprobleme

  • Große Unterschiede zwischen dänischsprachigen und grönländischsprachigen Kindern.
  • Viele Schulen waren schlecht ausgestattet, Lehrermangel war chronisch.
  • Kinder wurden früher oft in Internate nach Dänemark geschickt – mit massiven psychischen Folgen.

5. Wirtschaftliche Abhängigkeit

  • Jahrzehntelang fast vollständige Abhängigkeit von dänischen Subventionen.
  • Kaum eigene Industrie außer Fischerei.
  • Hohe Arbeitslosigkeit in abgelegenen Orten.

Wie hat Grönland die Kurve bekommen?

Natürlich ist nicht alles gelöst – aber es gab echte Wendepunkte.

1. Autonomie 1979 & Selbstverwaltung 2009

Diese beiden Schritte waren psychologisch und politisch entscheidend.

  • Grönland bestimmt seitdem große Teile seiner Innenpolitik selbst.
  • Die grönländische Sprache wurde gestärkt.
  • Politische Verantwortung liegt zunehmend bei Inuit selbst.

Wirkung: Mehr Selbstbewusstsein, stärkere Identität, bessere politische Stabilität.

2. Stärkung der grönländischen Kultur

  • Wiederbelebung traditioneller Praktiken (Jagd, Trommeltanz, Sprache).
  • Kulturzentren, Museen, Festivals.
  • Grönländisch ist heute offizielle Hauptsprache.

Wirkung: Weniger Entfremdung, mehr Stolz.

3. Gezielte Sozialprogramme

  • Alkoholrestriktionen (z. B. Verkaufsverbote in bestimmten Regionen).
  • Ausbau von Beratungsstellen und Krisenintervention.
  • Programme gegen häusliche Gewalt.
  • Bessere Kinder- und Jugendhilfe.

Wirkung: Deutliche Rückgänge bei Gewalt und Alkoholmissbrauch in vielen Gemeinden.

4. Verbesserungen im Bildungssystem

  • Ausbau grönländischsprachiger Schulen.
  • Mehr lokale Lehrerausbildung.
  • Universitätsgründung (Ilisimatusarfik, 1987).
  • Programme zur Rückholung von Fachkräften aus Dänemark.

Wirkung: Langsam steigende Bildungsabschlüsse, weniger Abhängigkeit von dänischen Lehrern.

5. Wirtschaftliche Diversifizierung

  • Ausbau der Fischerei zu einem modernen Industriezweig.
  • Tourismus wächst stark.
  • Rohstoffprojekte (seltene Erden, Zink, Gold) – vorsichtig, aber strategisch.
  • Investitionen in Infrastruktur (Flughäfen, Häfen, Internet).

Wirkung: Mehr Jobs, mehr Eigenständigkeit, weniger Abhängigkeit von Kopenhagen.

6. Offene Debatten über Traumata

  • Öffentliche Aufarbeitung kolonialer Eingriffe (z. B. Zwangsumsiedlungen, Experimente, Internate).
  • Psychologische Versorgung wird ausgebaut.
  • Gesellschaftliche Tabus werden gebrochen.

Wirkung: Heilung, Anerkennung, mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Fazit

Grönland hatte – und hat – enorme Herausforderungen: Koloniale Traumata, soziale Probleme, Suizidkrisen, wirtschaftliche Abhängigkeit.

Die Kurve wurde geschafft durch:

  • politische Selbstbestimmung
  • kulturelle Stärkung
  • soziale Reformen
  • Bildungsaufbau
  • wirtschaftliche Modernisierung

Es ist kein perfektes Erfolgsmodell, aber eines der beeindruckendsten Beispiele dafür, wie eine indigene Gesellschaft in die Moderne findet, ohne ihre Identität zu verlieren.